Main-Echo vom 26. Mai 1999

Ausgerechnet mit dem "roten" Schröder war der "schwarze" Krebs im Fernsehen zu sehen

Wahl des Bundespräsidenten war für Bischbrunns Bürgermeister Richard Krebs das schönste Geburtstagsgeschenk/Eindrücke des Wahlmannes Nr. 326 am Pfingstwochenende in Berlin

Bischbrunn. Viele Erinnerungen behält der Bischbrunner Bürgermeister und Kreisrat Richard Krebs (CSU) von seiner Teilnahme an der 11. Bundesversammlung am Pfingstsonntag im Neuen Reichstagsgebäude in Berlin. Zwar hat seine Favoritin, Dr. Dagmar Schipanski, nicht die Wahl zum Bundespräsidenten gewonnen. Trotzdem ist er überaus zufrieden mit seiner Bilanz, die bis jetzt der absolute Höhepunkt seiner über 2Ojährigen politischen Lautbahn ist.

Richard Krebs war der einzige über den Bayerischen Landtag gewählte Wahlmann aus dem Landkreis Main-Spessart. Zusammen mit den Bundestagsabgeordneten Wolfgang Zöller und Hans Michelbach wirkte er in Berlin bei der Wahl des Bundespräsidenten mit. Im »Konzert der Großkopferten« fühlte sich Richard Krebs pudel- wohl, wie sich die Zuschauer der ARD- Live-Berichterstattung überzeugen konnten.

Statt wie vorgesehen am späten Freitag nachmittag traf der Wahlmann Nr. 326 mit Frau Anna erst gegen 21 Uhr im Hotel ein. Zahlreiche Unfälle, Staus und Regen hatten die Anfahrt erheblich verzögert. Die Töchter Daniela und Alexandra hatten Chauffeurdienste übernommen. Vorbei waren die vagen Planungen für die Gestaltung des Nacht- lebens: Die geplante Vorstellung im Friedrichsstadtpalast hatte längst begonnen. So blieb nur das Abendessen. Gut ausgeruht ging es am Samstag morgen in die Stadt:

Besichtigung der Friedrichstadt-Passagen, des Potsdamer Platzes mit Info-Box und Bummel auf dem Ku'damm waren angesagt. Beim Mittagessen im KaDeWe eine Überraschung: Gisela Engelhardt, Mitarbeiterin der VG Marktheidenfeld, war mit Ehemann Reinhold ebenfalls in Berlin. Pünktlich fuhr Richard Krebs zur Sitzung der Fraktion in den Reichstag. Er wollte seinen Auftrag mit Sonderstempeln anläßlich der Bundespräsidentenwahl und der Staatsgründung vor 50 Jahren für den Vorsitzenden des Lohrer Briefmarkenvereins, Albert Vogel, erfüllen. Doch das Sonderpostamt wurde erst am Pfingstsonntag geöffnet.

Schon am Vortag war riesiges Medien- Interesse am Eingang zum Fraktionssaal, wo sich die Unionsdelegierten einfanden. Als der CDU-Vorsitzende Dr. Wolfgang Schäuble mit Dagmar Schipanski eintraf, gab es vor lauter Fernsehteams fast kein Durchkommen. Alle Wahlfrauen und Wahlmänner wurden zu 1O0prozentiger Präsenz vergattert; auch die Nummer eines rund um die Uhr besetzten Handys wurde genannt, für den Fall, daß etwas Unvorhersehbares passiert.

Beim Verlassen des Reichstagsgebäudes traf Krebs die SPD-Bundestagsabgeordnete Heidi Wright und versuchte sie - allerdings erfolglos - zu einer Wahl für die Unionsfrau (Motto »Frauen wählen Frauen«) umzustimmen. Vom Reichstag ging es per Bus zum Palais am Funkturm zum abendlichen gemütlichen Beisammensein, bei dem auch die Angehörigen teilnehmen durften.

Der Wahltag begann früh: 6 Uhr Wecken, Frühstück. Kirchgang. Wie angekündigt ließ sich Wahlmann Richard Krebs mit seinem Kollegen, Bürgermeister a.D. Rudolf Reit, im Privatauto von seiner Tochter Alexandra fahren. Im Umkreis des Reichstagsgebäudes demonstrierte die »Feministische Frauen-Partei« mit dem Slogan »Frau statt Rau«. Frühzeitig angekommen, wurden zuerst die aufgetragenen Postgeschäfte im Sonderpostamt erledigt. Dort traf Krebs gleich den ehemaligen Bundespostminister und Bundestagspräsidenten Richard Stücklen, der als einziger an allen elf Bundesversammlungen seit 1949 teilgenommen hat. Bereitwillig leistete das 82jährige »Urgestein« der CSU etwa 20 Unterschriften, dazu gab es Sonderstempel und Sonderbriefmarken.

Kurz und bündig war der Zählappell der CDU/CSU-Fraktion um II Uhr. Einige Wahlfrauen und -männer waren noch nicht da oder hatten vergessen, sich in die Anwesenheitslisten einzutragen. Zu den Fehlenden gehörte auch der Trainer des 1. FC Kaiserslautern, Otto Rehhagel. Er traf ein, als die Sitzung geschlossen war und Wahlmann Richard Krebs zum Plenarsaal eilte, um einen guten Platz zu ergattern. Ein flüchtiger Händedruck mit »König Otto« war die erste persönliche Kontaktaufnahme der beiden. Im Plenarsaal des Reichstages war der Bischbrunner Bürgermeister erst etwas enttäuscht, waren doch alle vermeintlich guten Plätze beschlagnahmt oder reserviert. Noch saß einsam in der vorletzten Reihe des Unions-Blocks Ex-Bundesarbeitsminister Dr. Norbert Blüm. Auf die Frage, ob die Plätze nebenan noch frei seien, gab es ein klares Ja. Die Plätze waren gut, denn durch diese »hohle Gasse« mußten sie kommen. Mit Blüm war ein weiterer Autogrammgeber und Partner für ein Erinnerungsfoto gefunden.

Als Außenminister Joschka Fischer den Plenarsaal betrat, wurde er von Wahlmann Reith zu einem Erinnerungsfoto gebeten. So ging es den ganzen Tag: einmal Fotograf, einmal Fotografierter. Bis zur Eröffnung der Sitzung füllten sich die Plätze und auch Ex- Bundesminister und amtierende Landesminister mußten mit der letzten Reihe oder mitten im Block ihren Platz einnehmen. Zu den letzten Platzsuchenden gehörten auch die Präsidenten des TSV 1860 München, Karl-Heinz Wildmoser, und des VfB Stuttgart, Gerhard Mayer-Vorfelder. Ein aufmerksamer Saaldiener brachte Mayer-Vorfelder einen Stuhl und verschaffte ihm einen Sitzplatz rechts neben Norbert Blüm.

Bei der Eröffnung der Plenarsitzung und der Ansprache durch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ging es relativ steif zu. Erst der Namensaufruf zur Stimmabgabe brachte Unruhe. Wahlfrauen und Wahlmänner, die noch länger bis zum Aufruf warten mußten, gingen in die Lobby. Auf dem Weg dorthin mußte fast die ganze Prominenz bei den »Hinterbänklern~< vorbei. Gerhard Mayer-Vorfelder mußte die derzeitige Tabellensituation seines VfB Stuttgart immer wieder erläutern. Der Verwaltungsratsvorsitzende des FC Bayern München und bayerische Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber schauten ebenso vorbei wie 1860-Präsident Wildmoser, FCK-Trainer Otto Reh- hagel und Werder-Bremen-Manager Willi Lemke.

Die Zeit zwischen Stimmabgabe und Stimmenauszählen wurde genutzt, um Gespräche zu führen, Bilder zu schießen und Autogramme zu sammeln. Als Richard Krebs bei Ex-Kanzler Helmut Kohl und Theo Waigel gleich rund 20 Autogramme für Postkarten und Ersttagsbriefe erbat, gab es auch interessante Bemerkungen, so von Kohl mit Blick auf die Adressen: »Sie schreiben ja die halbe Gemeinde an«. Waigel fragte beim Blick auf die Anschrift des CSU-Landtagabgeordneten Eberhard Sinner, ob er außer der Unterschrift auch eine Bemerkung machen dürfe und schrieb im Hinblick auf dessen Kampf um CARMEN in Rimpar: »Mach weiter so«. Nach einem Gespräch mit den Vogel-Brüdern standen diese ebenso für ein Erinnerungsfoto zur Verfügung wie der Ministerpräsident des »Ländle«, Erwin Teufel. Als er von Richard Krebs mit den Worten begrüßt wurde: »Herr Ministerpräsident, heute habe ich erstmals einen leibhaftigen Teufel inder Kirche gesehen«, war das Eis gebrochen, Foto und Autogramm gesichert. Als ihm Bundeskanzler Gerhard Schröder über den Weg lief, stellte Krebs alle Parteiraison zurück und sprach den Kanzler an. Selbst auf das Bekenntnis, daß er ein tiefschwarzer Wahlmann sei, stellte sich Schröder für ein Erinnerungsfoto mit dem Hinweis: »Das macht doch nichts«.

Als Krebs am Pfingstmontag morgens im Bett durch einen Anruf seines Stellvertreters Franz Väth erfuhr, daß ausgerechnet diese Szene über die ARD im Fernsehen kam, hatte er ein schlechtes Gewissen und wollte sich fast nicht mehr nach Hause trauen: Ausgerechnet der »schwarze Krebs« mit dem »roten Schröder« im Fernsehen!

Die Teilnahme an der Bundesversammlung war für Krebs das schönste Geschenk, das ihm die CSU zu seinem 50. Geburtstag hatte machen können.