Main-Post vom 30. August 2011

Doppelgänger werden Freunde

Zweimal Richard Krebs


Der Bürgermeister aus Bischbrunn und sein Ebenbild in den USA pflegen regen Austausch. Im nächsten Jahr wollen sich die beiden zum ersten Mal treffen.

Im vergangenen Oktober hat Bischbrunns Bürgermeister Richard Krebs, 62, erfahren, dass er einen Doppelgänger in den USA hat (wir berichteten). Zu einer Begegnung mit Richard T. Krebs, 63, aus Lake Ariel im Staate Pennsylvania ist es bislang noch nicht gekommen. Allerdings stehen die beiden Namensvettern in regem E-Mail-Kontakt – und so ist schon jetzt eine Brieffreundschaft entstanden.

Wenn nichts dazwischen kommt, will der Richard aus der „neuen Welt“ im nächsten Jahr in den Spessart kommen – wann genau, das steht noch nicht fest. Er habe einen „starken Wunsch“, gemeinsam mit seiner Frau Kathleen Deutschland zu besuchen, schreibt er in einer E-Mail. Mit dem Richard aus der „alten Welt“ will er sich nun einigen, welches der günstigste Zeitraum ist. Zwei Wochen hat er für den Aufenthalt eingeplant. Wenn sich die beiden Richards erstmals begegnen, will auch der Bayerische Rundfunk kommen und mit ihnen ein Interview führen.

Voraussichtlich wird der „Zwillingsbruder“ aus dem fernen Amerika bei seinem Deutschland-Besuch ein Hotel in Würzburg nehmen. Ein Freund hat ihm schon einige interessante Unterkünfte vorgeschlagen. Von dort aus will er dann nach Bischbrunn, Aschaffenburg und Weibersbrunn weiterreisen. Außerdem hat er vor, sich die Gemeinde Rosenberg (zwischen Ellwangen und Schwäbisch Hall gelegen) anzusehen, wo die Ahnen seiner Großmutter herstammen. In Stuttgart will die „Family Krebs“ den Sohn eines Freundes treffen.

Ende des 19. Jahrhunderts ausgewandert

Obwohl sie sich noch nie leibhaftig gegenüberstanden, wissen die Richards schon eine Menge übereinander – zum Beispiel über ihr „Verwandtschaftsverhältnis“: Richard T.'s Großvater Theodore, der am 1. November 1877 zur Welt kam, ist 1894 in die USA eingewandert; er stammt wahrscheinlich aus Weibersbrunn oder Aschaffenburg. Theodore hatte mindestens zwei Brüder, George und Constantine, die ihr Glück ebenfalls im Land der unbegrenzten Möglichkeiten fanden. Auf Einwanderungsurkunden ist vermerkt, dass George in Aschaffenburg-Damm geboren wurde, Constantine gab als letzten Wohnsitz Weibersbrunn an. Die Eltern der drei Brüder, also Richard T.'s Urgroßeltern, haben Deutschland dagegen nie verlassen; sie waren gemeldet als Constantin und Caroline Krebs, eine geborene Boch.

Der Bischbrunner Richard kann seinen Stammbaum bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen – genauer gesagt: bis ins Jahr 1770. Seine Vorfahren wurden – soweit bisher bekannt – von Konrad Väth aus Oberndorf ermittelt. Väth ist ein Verwandter von Krebs, er arbeitet als Diplom-Ingenieur bei der Direktion für ländliche Entwicklung in Würzburg und betreibt hobbymäßig Geschichts- und Ahnenforschung.

Beim Stöbern in den Archiven seiner Schwiegereltern hat der Richard aus dem Spessart einen interessanten Brief gefunden. Er wurde am 29. März 1893 von Felix Väth in Tiffin, 39 Mentz Street, verfasst, einem Vorfahren, der in die Vereinigten Staaten ausgewandert war. An seine Brüder, die in Deutschland geblieben waren, schrieb Väth damals: „Die Menschen sind gottlos, rauben und plündern und die Maschinen nehmen die Arbeit weg.“ Richard Krebs kommentiert diesen Satz in einer Mail an seinen Doppelgänger so: „Es hat sich in den letzten 120 Jahren eigentlich nicht viel verändert.“ Seinen amerikanischen Freund bat er darum, ihm bei seinen weiteren Nachforschungen behilflich zu sein.

„Mini-Oktoberfest“ und mieser Sommer

Auch darüber, was sich aktuell in ihrem Leben tut, informieren sich die beiden regelmäßig. Der Bischbrunner Bürgermeister erzählte zum Beispiel vom Zoff um die Bischbrunner Schulen und davon, dass er sein Amt zum 30. April 2014 aufgeben wird – nach fünf Wahlperioden und 30 Jahren. Er berichtete von der Laurenzi-Messe („eine Art Mini-Oktoberfest“), von seinem Kurzurlaub in den Alpen und von seiner Kreuzfahrt mit der „Costa Atlantica“ in der Ostsee – alles „angereichert“ mit einer Vielzahl an Bildern.

Richard T. Krebs schrieb unter anderem, dass sein jüngerer Sohn Matthew, der zum Zeitpunkt des verheerenden Erdbebens in Japan dort lebte, inzwischen in die USA zurückgekehrt ist und einen Job in San Francisco gefunden hat. Und er berichtete davon, dass ein Großteil des Sommers in Pennsylvania so war wie in Deutschland: kalt und verregnet.


Von unserem Redaktionsmitglied JOCHEN JÖRG